Der Utopek

Utopek von Leszek Libera
Utopek von Leszek Libera

Der Roman „Der Utopek“ von Leszek Libera beginnt mit einem Paukenschlag und bereitet den Leser in gewisser Weise von der ersten Sekunde an auf das vor, was ihn auf den kommenden fast 1000 Seiten einer Triologie (Der Utopek, Buks Molenda, Testament Utopka) erwartet. Die vielschichtige Handlung bekommt sofort Schwung durch das Ende des Zweiten Weltkrieges, der jedoch nichts getaugt habe, so der Utopek, weil er es nicht einmal fertig brachte, seine Mutter zu erschlagen.

Der Utopek liebt es feucht und dunkel

Der Utopek ist eine in Schlesien bekannte Figur, die vom Planeten Utopia stammt – daher der Name – und in der Lage ist, in menschliche Körper zu kriechen. Er liebt es feucht und dunkel, weswegen er als Kind in einem Sauerkraut-Fass lebt, als Jugendlicher einen Sarg bezieht und schließlich als alternder Utopek in einen Wasserturm zieht. Der Utopek ist ein Außenseiter mit Knickfüßen vom Typ Entenschnabel, der merkwürdiges Wasserpolnisch – eine Art Mischmasch aus Deutsch und Polnisch –  spricht, keine feste Nahrung zu sich nimmt und laufend die Geschichte neu schreibt. Damit beginnt er in der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und endet im dritten Band in der Neuzeit. Natürlich gerät alles aus den Fugen und wird wieder neu zusammen gesetzt, etwa als sein Freund und Künstler Erwin Pijafka aus der Not an Wachs für neue Skulpturen eine Tugend macht. Die Wachsfigur von Herbert Hupka, verhasster Vertriebenen-Verbände-Politiker aus Deutschland, wird zweigeteilt; das Material reicht gleich für zwei Stalins – was für eine Metapher!

Schüler in der I.A. Schule

Als Kind in Ratibor wird der Utopek aufgrund seiner ganz offensichtlichen Einschränkungen in die I.A. Schule gesteckt gemeinsam mit Zigeunern, Umsiedlern, Germanen und andere „Untermenschen“. Während die Einheimischen diese Leute meiden und sie für alles Unglück dieser Welt verantwortlich machen, vermittelt der Utopek einen Blick auf sie und stellt Kontakt zu ihnen her. Gleichzeitig wird klar, dass man in dieser Schule für Esel aller Art so gar nichts lernen kann, außer den Lauten „I“ und „A“ sowie das völlig nutzlose Lied „Noch ist Polen nicht verloren…“, allgemein heute bekannt als Nationalhymne Polens.

Überhaupt geht Leszek Libera in seinem Buch nicht sehr zimperlich mit den Polen um. Aussagen wie, die Polen würden Überfälle auf andere Länder genauso mögen wie die Deutschen oder Polen seien immer da zu finden, wo Schweinereien gemacht werden, dürften ihnen kaum gefallen, auch wenn sie im zweiten Atemzug noch immer von den Deutschen übertroffen werden.

Sprachliche Fundgrube

So oder so ist dieses Buch eine Aneinanderreihung von Absurditäten – jedoch immer mit tatsächlichem geschichtlichen Bezug – und dadurch besonders frech und provozierend. Auch sprachlich ist dieses Buch schlichtweg reizend, denn selbst in der Sprache spiegelt sich das mitunter wenig sympathische Aufeinandertreffen deutscher und polnischer (Un-) Kultur wider. Gerade für Menschen, die beider Sprachen mächtig sind, dürfte dieses Buch eine Fundgrube sein. Vor diesem Hintergrund ist die Übersetzung von Sława Lisiecka aus dem Deutschen nicht hoch genug zu schätzen. Ihr ist es zu verdanken, dass es viele Wendungen aus dem Deutschen ins Polnische geschafft haben, auch wenn sie hier in dieser Form so kaum verwendet werden. Anders herum darf man nur bewundernd staunen, wie es Leszek Libera, der in Schlesien geboren und aufgewachsen ist, gelang, diesen Schelmenroman auf Deutsch zu schreiben – zunächst nur für sich. 30 Jahre lang wartete dieses Buch auf seine Veröffentlichung.

Nach dem Testament die „Auferstehung“?

Kann nach dem „Testament“ noch etwas kommen? Es würde mich wahnsinnig reizen zu erfahren, wie der Utopek die Geschichte weiter geschrieben hätte. Vielleicht wäre die Covid-19 Pandemie mit ihren Masken, Abstandsregeln und dem Jonglieren mit Ansteckungs-, Sterbe- und Inzidenzzahlen auch auf den Stapel direkt unter dem Hauptrohr im Wasserwerk gelangt, wo die Geschehnisse – wie das Wasser – besonders gut hochgepumpt, man könnte auch sagen aufgeblasen werden können, wobei das mit Wasser nicht möglich wäre. Doch hier geht es um mehr. Kaum einer traut sich gegenwärtig, dem König zu sagen, dass er nackt ist. Diese Narrenfreiheit hätte der Utopek. Vielleicht hieße dieses vierte Buch die „Auferstehung“ – schon allein der Titel wäre eine Provokation, würde er doch einen Neuanfang bedeuten, dem ein Ende vorher geht. Dem scheint die Welt immer näher zu rücken. Dafür braucht es nicht einmal die vom Utopek streng geführte Buchführung über Atom- und Wasserstoffbombentests auf der ganzen Welt. Wie uns die Gegenwart gerade eindrucksvoll und beängstigend zeigt, geht es auch ganz ohne (herkömmlichen) Krieg immer weiter auf den Abgrund zu.

(Der Utopek ist im Neisse Verlag erschienen)