Wenn man mehr erfahren will über das Miteinander von Deutschen und Flüchtlingen: Das Buch von Jenny Erpenbeck kann man nun auch auf Polnisch in der Übersetzung von Eliza Borg in den polnischen Buchhandlungen kaufen – allerdings meist erst auf Bestellung

Richard ist der Held des Buches von Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“, das jetzt auf Polnisch im Verlag Sonia Draga erschienen ist in der Übersetzung von Eliza Borg. Der ehemalige Professor ist ein frisch gebackener Rentner, der nun mit der Zeit so seine Probleme hat, denn er ist verurteilt zum Nichtstun. Genauso wie die Flüchtlinge aus Afrika, die ebenfalls Helden des Buches von Jenny Erpenbeck sind. Sie haben sich auf dem Oranienplatz in Berlin versammelt, um für die Rechte der Menschen zu kämpfen, ohne selbst das Recht auf Arbeit zu haben, nicht das Recht auf eine eigene Wohnung, ja nicht einmal das Recht den Platz zu verlassen, den ihnen die Verwaltung für ihren Aufenthalt zugewiesen hat. 

Eliza Borg bei einem Besuch in Krakau,
Eliza Borg w Camelocie w Krakowie – bei einem Besuch im Camelot in Krakau in diesem Jahr.

Verdammt zum Warten

Die Mehrheit von ihnen ist verdammt zum Warten, sie haben den Eindruck, dass sich keiner für sie interessiert, bis plötzlich Richard auftaucht, ein Professor im Ruhestand. Er kümmert sich um die Flüchtlinge, fragt, was sie brauchen, erkundigt sich nach dem, was sie hinter sich haben, ermöglicht ihnen Klavierunterricht, geht mit ihnen zu verschiedenen Behörden, empfängt sie im eigenen Haus, behandelt sie wie Menschen, wie Nachbarn… väterlich. Richard macht das auf eigene Rechnung, erlebt Enttäuschungen, wird sogar von Flüchtlingen bestohlen – und dennoch ist die Arbeit mit diesen Menschen ein Gewinn für ihn, denn plötzlich sieht er sich selbst wie in einem Spiegel. Richard schaut auf sich mit den Augen dieser Leute, die von weit her und aus anderen Kulturen kamen, aber besser als er selbst erkennen, wer er wirklich ist. 

Das Meer

Das Ende des Buches kulminiert in einer Metapher über das Meer, über das die Flüchtlinge kamen (oder darin ertranken), als sie auf der Flucht waren vor Krieg, Armut und all dem, was sie nicht mehr in der Lage waren zu ertragen – genau wie Richard, der seine eigene Frau vor Jahren nicht ertrug, als ihr das Blut über die Beine rann nach einer illegalen Abtreibung. 

„Warum hast du dich für deine Frau geschämt?“, fragt Ali

„Ich glaube, dass es mir eigentlich Angst gemacht hat. “

„Angst wovor?“

„Dass sie stirbt. Ja, sagt Richard, ich habe sie in dem Moment dafür gehasst, dass sie vielleicht stirbt…“ „Damals, glaube ich“, sagt Richard, „ist mir klar geworden, dass das, was ich aushalte, nur die Oberfläche von all dem ist, was ich nicht aushalte.“

„So wie auf dem Meer?“, fragt Khalil.

„Ja, im Prinzip genau so wie auf dem Meer.“

Das Buch antwortet auf brennende Fragen

Das Ende des Buches gibt uns zu denken. „Wir schaffen das“, sagte vor fünf Jahren Kanzlerin Angela Merkel, als Tausende Flüchtlinge aus Afrika kamen. Richard, der Held im Buch von Jenny Erpenbeck, ist nur ein Beispiel jener Menschen, die einfach halfen – über Jahre. Es gab und gibt Leute in Deutschland, die sich mit den Flüchtlingen anfreundeten und weiterhin mit ihnen im Kontakt stehen. Einige wohnen gar mit ihnen unter einem Dach. Ja, die Deutschen haben es geschafft, warum und wie sie das gemacht haben, auf diese Fragen antwortet Jenny Erpenbeck, eine der ambitioniertesten und sehr geschätzten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Eliza Borg, Dedecius-Preisträgerin (einer der bedeutendsten deutschen Preise für Übersetzer) übertrug schon mehr Erpenbeck-Bücher aus dem Deutschen ins Polnische, darunter „Heimsuchung“ oder „Aller Tage Abend“, das in Kürze auf dem Polnischen Buchmarkt erscheinen wird.

Eliza Borg hat mit auch dieses Buch, um das es in dieser Rezension geht, mit großem Engagement ins Polnische übersetzt. Keine einfache Sache, denn Jenny Erpenbeck liebt es, Zitate verschiedener Quellen zu nutzen – von der Bibel über Goethe bis hin zur Gegenwartsliteratur. 

„Jenny Erpenbeck ist für ihre Leser keine leichte, sondern eine anspruchsvolle Autorin, umso mehr auch für den Übersetzer. Jedes Buch ist eine Herausforderung“, sagt Eliza Borg, deren Lieblingsschriftstellerin – wie kann es anders sein – Jenny Erpenbeck ist.

Klare Leseempfehlung

Wir beide legen ihnen die Lektüre von „Gehen, ging, gegangen“ sehr ans Herz!