Gesang und Glück

1
223

Frauentag: Treffen mit Ewa Sawicka, die Workshops im Singen traditioneller Lieder aus Osteuropa in der „Ostpost“ / Berlin anbietet – nächster Termin 16.3.


Die Samstage sind in Berlin für einige Leute ganz besondere Tage, an denen man sich in der „Ostpost“ im Prenzlauer Berg trifft. Und das schon um 10.30 Uhr. Es gibt dann kein Frühstück, aber man kann Tee, Kola aus Wostok oder einen Kaffee latte bestellen. Aber das ist nicht das Wichtigste.

Ewa Sawicka währen des Workshops traditioneller Lieder aus Osteuropa in der Ostpost. Film: A. Müller

Ich liebe es zu singen

Wichtig ist, dass man hier einmal im Monat Ewa Sawicka treffen kann. Seit sechs Jahren ist sie Berlinerin, wohnt in Marzahn, arbeitet aber in der Regel im Prenz’lberg oder an der VHS in Pankow. In der „Ostpost“ führt sie Workshops mit traditionellen Liedern aus Polen, der Ukraine, Bulgarien und vielen anderen osteuropäischen Ländern durch. „Ich liebe zu singen, das gibt mir Energie und Kraft und macht mich glücklich“, sagt Ewa.

Schwere Zeiten

Bestimmt singt sie schon ihr ganzes Leben, obwohl sie schwere Zeiten durchgemacht hat. Blind geboren, musste sie in Warschau zur Schule gehen, weil es in Lubowa – eine Ortschaft zwischen Olsztyn und Torun – keine Schule gab für Kinder wie Ewa. Im Alter von fünf Jahren musste sie sich von den Eltern trennen. „Natürlich hatte ich Sehnsucht nach Hause, nach den Eltern“, erzählt sie. Dennoch gewöhnte sie sich an das Leben im Internat mit den anderen Kindern. Nach der Schule studierte sie Polonistik und verliebte sich das erste Mal.

Berlin ist bunt

Wegen dieser Beziehung ging Ewa später nach Deutschland. Die Liebe ging zu Ende, aber die junge Frau verliebte sich in Berlin. „Es hat mir von Anfang an gefallen, dass Berlin bunt ist und hier Menschen leben aus vielen Ländern der Erde“, erklärt sie.

Singen hat ihr schon das Leben gerettet

Sie lernte Deutsch und begann zu verschiedenen Workshops zu gehen, die mit Gesang verbunden waren. Ewa liebt nicht nur zu singen, sie fühlt, was sie singt. Ein Leben ohne Singen ist für sie unvorstellbar – ohne könne man einfach nicht leben. Nicht nur einmal habe ihr das Singen das Leben gerettet.

Ab und zu Hilfe vonnöten

Berlin ist ein Moloch! Ewa bewegt sich hier in der Stadt aber wie jeder andere auch. Sie will unabhängig sein, nur ab und zu braucht sie Hilfe. Wo ist die Tram-Haltestelle? Wo sind die Treppen zur U-Bahn? Sie muss fragen. „Das ist nicht schlimm“, unterstreicht sie. Das habe sie schon als junges Mädchen noch in Warschau gelernt.

Polen reden, Deutsche schweigen

In Polen hätten sie die Leute einfach am Arm geschnappt und geführt. „Sie haben nicht einmal gefragt, wohin ich eigentlich will“, sagt sie amüsiert. „In Deutschland fragen sie, ob sie mich anfassen dürfen“, fährt Ewa fort. Und wundert sich. In Polen fingen die Leute immer ein Gespräch an, dass der und der es auch nicht einfach habe. „Eine Dame meinte gar, dass sie mich wirklich gut verstehen könne, denn ihr Sohn habe auch psychische Probleme…“, berichtet Ewa Sawicka lachend. In Deutschland schwiegen die Leute eher.

Vom großen Glück

Ewa ist jetzt 32 Jahre alt. Erstmal hat sie nicht vor, nach Polen zurück zu gehen. In der Freizeit singt sie auch in einem arabischen Chor. Hier hat sie Freunde gefunden und eine Aufgabe: Sie lehrt andere, diese traditionellen Lieder Osteuropas zu singen. Sie liebt das. Einmal im Monat trifft sie sich mit Leuten, von denen sie die meisten nicht kennt. „Das ist ein Abenteuer und eine Herausforderung“, meint sie. Man könne eine gemeinsame Stimme und den gleichen Ton finden. Und tatsächlich: Nach einer halben Stunde singen alle diese merkwürdigen, aber wunderschönen Lieder, durch die man sich – so scheint es mir – mit den Menschen früherer Generationen verbunden fühlen kann. Und das ist ein großes Glück!

Kontakt zu Ewa Sawicka: ewa.klio1986@gmail.com

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here